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26
Jan

Zeitschichtenverschiebung

Es ist häufig so mit Personen. Erst, wenn sie aus dem Leben geschieden sind, n immt man sie sich richtig zur Brust. So, als ob das Leben ein Sperre für die Annäherung darstellt. So geschehen jetzt auch mit Karlheinz Stockhausen.

Einstmals erstand ich die Texte Band 2, den Zeitraum 1951 bis 1963 betreffend. Unter den Texten ein Bericht über eine USA-Reise Ende 1958. Die hat viele detailinteressante Aspekte, aber ein Hinweis macht mich schon richtig Erstaunen. Stockhausen zitiert eine Person, die er dort traf, einen Großfabrikanten C.L.. Der sagte über die “jungen Leute”:

In der Fabrik gibt es kein Autoritätsempfinden und keine Arbeitsmoral mehr. Die jungen Leute, die in den letzten 20 Jahren mit der Psychologie groß gezogen sind (laß jedes Kind machen, was ihm einfällt und sag ihm ja nur nichts), diese Jungen können sich im Berufsleben überhaupt nicht einordnen. Sie sind ohne Selbstdisziplin, können keine Stunde lang konzentriert arbeiten, wechseln die Arbeitsstelle, ohne ‘auf Wiedersehen’ zu sagen, und haben an nichts wirklich Freude. ((Karlheinz Stockhausen, Eindrücke einer Amerikareise, in: ders.: Texte, Band 2, Köln 1988, S. 231))

Man macht sich ja häufig ungenaue Vorstellungen, wann wem welche Idee zuzuschreiben wäre. Wenn ich bei Stockhausen zurückrechne, komme ich auf 1938. Was da vom Großfabrikanten vorgebracht wird ist ja diese Art von “antiautoritärer Erziehung” wie sie im allgemeinen Volksglauben sich festgebissen hat, die aber nur wenig mit etwas wie Summerhill zu tun hat. Nur schreibt man hier eben nicht die Zeit der bösen 60er Jahre mit ihrem Aufbegehren an den Universitäten, sondern die 40er Jahre, die in Deutschland wegen einer gewissen Heterogenität von Erziehungsidealen kaum in einer Klarheit erforscht wurden. Zwischen den Nazi-Idealen und der Re-Education, die dann eigentlich auf diesem Motto mitfußen müsste, wäre ein problematische Spannung.

Man kann natürlich einwenden, dass dies eine spontane Beobachtung des Großfabrikanten ist. Und dass sie sehr übertrieben dargestellt wurde. Doch das fast egal. Dass so ein Phänomen 1958 (subjektiv) festgestellt wurde, macht es aus. Man würde so eine Aussage ganz einfach 1958 nicht erwarten. Jedenfalls nicht so, wie es sich in den Rückblicksdiskursen unserer Gesellschaft darstellt (und wie es beispielsweise eine Eva Herman für sich reklamieren will, ebenso wie zahlreiche Neo-Konservative – denen es übrigens sehr gut ins Konzept passen dürfte, endlich 1933 bis 1945 abschalten zu dürfen angesichts eine Neubetonung des Jahrestages der 68er Zeit. Allerdings steht nicht zu erwarten, dass diese “Aufarbeitung” ernsthaft geschehen wird. Im Gegenteil, es bietet sich die gleich zweifache Chance deutsche Vergangenheit zu entsorgen).

09
Dec

Eine kleine Stockhausen-Geschichte

Ich kann nicht genau sagen, wann ich das erste mal den Namen Stockhausen gehört habe. Sicher war es noch in der Schule, Ende der 70er, Anfang der 80er Jahre. Die Musik, die zu diesem Namen gehörte, was nicht ganz leicht zugänglich. Am ehesten ging es noch über einer Schallplattenreihe der HörZu (zusammen mit der Deutschen Grammophon?), die unter dem Titel Avantgarde in mehreren Schubern aufgelegt wurde und in der örtlichen Bibliothek zur Ausleihe stand. Mit dabei gewesen sein muss das Stück “Stimmung” aus den 60er Jahren. Eine Art Meditation über einen Akkord für sechs Stimmen. Bestimmt eine Stunde lang der gleiche Akkord, in sich selbst leicht abgewandelt. Es gehörte zu den frühen Höreindrücken auch der “Gesang der der Jünglinge” aus den 50er Jahren. Elektronische Musik mit einer Knabenstimme, die an eine bestimmten Stelle “Prei-ei-set der He-e-rren” singt. Beide Stücke erstaunten mich und faszinierten mich. Man kann sie fast nicht einem Autoren zuordnen, zu unterschiedlich ist die Klanglichkeit.

Auf einer anderen Platte waren auch die elektronischen Studien neben einem bekannten Stück von Eimert. Über die anderen Stücke aus den 50er Jahren wusste ich wenig. Sie wurden einer “seriellen Technik” zugeordnet mit der ich wenig anzufangen wusste. Aber diese Technik war faszinierend genug. Und die Lektüre des Werkes “Wie die Zeit vergeht” in der Reihe edition text + kritik ließ mich zumindest noch einmal nachdenken, was denn da passiert war. Continue reading ‘Eine kleine Stockhausen-Geschichte’