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27
Mar

Fahrt durch ungesellige Landschaft

Es gab einmal eine Zeit, da wirkten manche Fotos wie mit Ultraschall gemacht. Gestern blätterte ich durch die elektronische Weltgeschichte der Digitalen Bibliothek und verlor mich, so gut es eben ging, in alten Geschichten und vor allem Abbildungen und Kartenmaterial. An einer Stelle war dann folgendes Foto zu finden.

Kartensaal

Ein Kartensaal aus dem Atomkriegszeitalter. Das Zeitalter ist ja nun nicht vorbei. Aber es scheint doch weniger präsent. Unten, im Zentrum des Bildes sieht man eine elektronische Kamera, die das ganze dann abfilmt. Mit Revolverobjektiven. “Das Zentrum der US-Luftabwehr. Kartensaal der atomsicheren Anlage bei Omaha/Nebraska.” ((Propyläen-Weltgeschichte: Raymond Aron: Weltdiplomatie: Fronten und Pakte. Propyläen-Weltgeschichte, S. 16183, vgl. PWG Bd. 10, S. 420) (c) Ullstein Verlag http://www.digitale-bibliothek.de/band14.htm ]))

Nicht weit von dieser Stelle entfernt eine Aktion zu Tibet als Foto:

Demo gegen China

Man sieht es sich an und muss feststellen, fast nichts hat sich verändert eigentlich. Nur die Deckel, die man über all das legt, seien es Klangwolken oder Netze ohne Fische, Konsumwelten und anderes Zudröhnzeugs, sind im Wandel. Alle sind sie dann doch nur Surrogate für Bekanntes. Nämlich für das allgemeine menschliche Unglück und Versagen über alles.

Aus der Tiefe Ein unbekannter russischer Fotograf hat diesen Mann an der Drehleier irgendwann einmal im 19. Jahrhundert fotografiert. “Aus der Tiefe, Herr, rufe ich zu dir.” ((Russischer Photograph: »Aus der Tiefe rufe ich, Herr, zu Dir«. Paris, Musée de l’Homme. Land: Russland. Rubrik: Szene. Bildersammlung: Russland. The Yorck Project: 5.000 Meisterwerke der Photographie, S. 5742 (c) 2005 The Yorck Project http://www.digitale-bibliothek.de/Photographie.htm ] )) Das kann man lesen bei der Bezeichnung der Fotografie. Da treffen sich merkwürdig die Haltungen der totalen Technik mit denjenigen des grundsätzlichen Horrors an der Existenz. Besonders die Fotos aus Russland in der Digitalen Bibliothek sind geradezu frustrierend traurig und zeigen eine Welt in der Dämmerung. Man wird nur schwer sagen können, wo das Elend größer ist. Aber es geht auch weniger wohl um Komparative des Unglücks als dessen Stetigkeit. Vor hier aus ist es allemal so, als wären derartige Gedanken ohnehin nur die leichte Spielerei eines Clowns. Das stimmt auch.

Dennoch verspüre ich immer deutlicher den Wunsch, die Vergangenheit zu retten – mit all ihren Gefühlen und anderen Empfindungen. Mit ihrer Schönheit und ihrer Qual gegen die vollkommene (nicht dialektische) Aufhebung durch das pure Machen im Jetzt.

26
Jan

Zeitschichtenverschiebung

Es ist häufig so mit Personen. Erst, wenn sie aus dem Leben geschieden sind, n immt man sie sich richtig zur Brust. So, als ob das Leben ein Sperre für die Annäherung darstellt. So geschehen jetzt auch mit Karlheinz Stockhausen.

Einstmals erstand ich die Texte Band 2, den Zeitraum 1951 bis 1963 betreffend. Unter den Texten ein Bericht über eine USA-Reise Ende 1958. Die hat viele detailinteressante Aspekte, aber ein Hinweis macht mich schon richtig Erstaunen. Stockhausen zitiert eine Person, die er dort traf, einen Großfabrikanten C.L.. Der sagte über die “jungen Leute”:

In der Fabrik gibt es kein Autoritätsempfinden und keine Arbeitsmoral mehr. Die jungen Leute, die in den letzten 20 Jahren mit der Psychologie groß gezogen sind (laß jedes Kind machen, was ihm einfällt und sag ihm ja nur nichts), diese Jungen können sich im Berufsleben überhaupt nicht einordnen. Sie sind ohne Selbstdisziplin, können keine Stunde lang konzentriert arbeiten, wechseln die Arbeitsstelle, ohne ‘auf Wiedersehen’ zu sagen, und haben an nichts wirklich Freude. ((Karlheinz Stockhausen, Eindrücke einer Amerikareise, in: ders.: Texte, Band 2, Köln 1988, S. 231))

Man macht sich ja häufig ungenaue Vorstellungen, wann wem welche Idee zuzuschreiben wäre. Wenn ich bei Stockhausen zurückrechne, komme ich auf 1938. Was da vom Großfabrikanten vorgebracht wird ist ja diese Art von “antiautoritärer Erziehung” wie sie im allgemeinen Volksglauben sich festgebissen hat, die aber nur wenig mit etwas wie Summerhill zu tun hat. Nur schreibt man hier eben nicht die Zeit der bösen 60er Jahre mit ihrem Aufbegehren an den Universitäten, sondern die 40er Jahre, die in Deutschland wegen einer gewissen Heterogenität von Erziehungsidealen kaum in einer Klarheit erforscht wurden. Zwischen den Nazi-Idealen und der Re-Education, die dann eigentlich auf diesem Motto mitfußen müsste, wäre ein problematische Spannung.

Man kann natürlich einwenden, dass dies eine spontane Beobachtung des Großfabrikanten ist. Und dass sie sehr übertrieben dargestellt wurde. Doch das fast egal. Dass so ein Phänomen 1958 (subjektiv) festgestellt wurde, macht es aus. Man würde so eine Aussage ganz einfach 1958 nicht erwarten. Jedenfalls nicht so, wie es sich in den Rückblicksdiskursen unserer Gesellschaft darstellt (und wie es beispielsweise eine Eva Herman für sich reklamieren will, ebenso wie zahlreiche Neo-Konservative – denen es übrigens sehr gut ins Konzept passen dürfte, endlich 1933 bis 1945 abschalten zu dürfen angesichts eine Neubetonung des Jahrestages der 68er Zeit. Allerdings steht nicht zu erwarten, dass diese “Aufarbeitung” ernsthaft geschehen wird. Im Gegenteil, es bietet sich die gleich zweifache Chance deutsche Vergangenheit zu entsorgen).