05
May
07

Geld verdienen mit …

… mit was? Nico Lumma hat ein Empfehlungsprogramm im Netz gestartet, shoppero.com. Und Nico rechnet aus, was wer bekommt, wenn. Angenommen Tageserträge von 10.000 Euro. 20% Prozent verbleiben bei shoppero (2.000 Euro). Die restlichen 8.000 Euro werden ausgeschüttet. Man lasse mal beiseite, wie sie die restlichen 80 Prozent genau verteilen (es gibt da eine 20/60 Klausel). Nehmen 200 Empfehler an dieser Seite teil, ergibt sich ein Wert von freundlichen 40 Euro pro Nase im Durchschnitt, das wären 1.200 Euro im Monat. Nicht schlecht. Bei 2000 Mitmachern sind es 4 respektive 120 Euro (das wäre der von Nico genannte User X mit 0,05 % des Traffickuchens). Müsste man auch nicht weinen. Für shoppero blieben es aber jeweils 60.000 Euro. Wohlgemerkt, unter der Annnahme dass …, dass täglich 10.000 Euro an Werbeeinnahmen über sekundäre Werbung entstünden.

Knüver schreibt im Handelsblatt positiv, dass es hier auch darum gehe, “die Nutzer als Autoren zu beteiligen.” 120 Euro für User X zu 60.000 Euro für shoppero.com im Monat. Wie “moralisch” das ist, darüber mag jeder gerne selbst nachdenken. Aber was bedeutet das, kulturell gesehen?

Es ist klar, dass das Netz ziemlich leer wäre, wenn es keine Inhalte in sich einschlösse. Inhalte sind nötig und sie sind vielfältiger Art: Von nutzlos bis nützlich. Nutzlose Inhalte (sie können für den einen nützlich sein, für den anderen nicht) und nützliche Inhalte (sie können nützlich sein für den einen und für den anderen nicht). Aber entweder sind sie nützlich oder nutzlos. Haben Gebrauchswert oder keinen. Es scheint offenbar so, dass einiges nützliches Wissen, einige nützliche Inhalte sich in geldwerte Mittel umtauschen lassen und andere eben nicht. Einigen geht es jetzt besonders darum, eben Inhalte sowohl nützlich zu halten und zugleich geldwert.

Bei shoppero geht es um Produkte. Produkte, die selbst das Netz nicht sind sondern aus der konkreten Materialität stammen. CDs, Möbel, Schokolade, Sessel, was weiß ich. Die Empfehlungen sind nicht die Sache, sondern ihr Wert liegt in der Bewertung. Was nicht bewertbar ist, lässt sich nicht empfehlen. Ein Produkt muss dazu erst den Status eines Produktes erlangen. Es muss als Ware, genauer als handelbare Ware existieren. Einen Sonnenuntergang kann man einstweilen zum Beispiel noch nicht als Produkt handeln, auch wenn man seine Ansehung empfehlen könnte. Unwahrscheinlich aber, dass der Sonnenuntergang als Werbekunde auftreten würde. Er generiert keine geldwerten Benefit – und er ist damit kein Gegenstand einer solchen Empfehlungs- und Bewertungskultur.

Will also shoppero erfolgreich sein, muss es im Sinne seiner Ertragsmaximierung auf Produkte verlegen, die geldwert zurückschlagen können. Wirtschaftlicher Erfolg lässt sich nur dann garantieren, wenn man im Zirkus des wirtschaftlich erfolgreichen Produkts mitspielt. Dabei werden dann aber Art und Weise von Mitmachleistungen der User immer weniger wichtig. Sie garantieren bestenfalls, dass shoppero überhaupt genutzt wird. Ist der Content wenig nützlich, kommt rückwärts auch nichts zurück. Aber auch wenn der Content bedeutsam ist, heißt dies nicht, dass etwas zurückkommt. Man könnte die schönste Kritiken schreiben über Musik beispielsweise, über temporäre Produkte wie Konzerte, dies würde wenig nützen. Um erfolgreich zu sein, braucht man eine Basis an allgemein verträglichen Dingen, sowohl auf Produktseite wie auf Bewertungsseite. Das ist nun aber tatsächlich selbstrefenrentiell und eine sich selbstbestätigende Strategie. Neues wird dadruch gar nicht geschaffen. Auch gesellschaftlich bringt das nichts voran.

Ich habe einmal kurz einen Blick in diesen Laden, zugegeben flüchtig, zugegeben in dessen Startphase, mir gestattet. Mir fällt dazu nichts ein. Ich kann damit rein gar nichts anfangen. So wie es ist, ist es gar nichts. Kein Wunder, dass man sich emsig darüber freut, bei technorati als vielfach gesucht aufzutreten. Und selbstverständlich ist das auch ein Problem hier, implizit Aufmerksamkeit für etwas zu erzeugen, was noch gar nichts ist. An sich auch das ein Paradebeispiel für virales Marketing. Das ganze läuft auf einer fast kartellartigen Ebene ab (das als “selbstreferentiell” zu bezeichnen, ist beinahe oder gar sehr euphemistisch). Man kennt sich, man schätzt sich, man tut etwas füreinander. Und schon gibt es einen Artikel in Handelsblatt.com. Zeit für den elektrischen Reporter, sich darum zu kümmern.

Nun kann man sagen: Ist doch egal, lass doch mal machen. Ist doch nicht so wichtig. Soll shoppero doch flippen oder floppen. So mag es auch sein. Dennoch sind da eher allgemeinere Fragen. Dass das Netz an allen Ecken und Enden nach Geschäftsmodellen sucht ist nichts so Neues. Mit etwas deutlicher Verwunderung muss ich jedoch beobachten, dass eine Kommerzialisierung immer häufiger aus dem Kreise von (ehemals) Mitstreitern für durchaus alternative Netzmodelle kommt. Ob adical.de oder shoppero.com, auch diese ganzen eher nicht so tollen Werbepraktiken einiger größerer Netzunternehmungen, die sich spinnenartig ausbreiten: alles Dinge die Münze verheißen wollen. So ähnlich wie damals in Berlin um 2000 herum (Wizards Of OZ), als es Krach gab in der Linuxentwickler-Fraktion, weil deren Arbeit in anderer Form aufgenommen und in Produkte verwandelt, denen zum Wirtschaftsmodell verhalf.

Es ist immer wieder ein ähnliches Spiel.

Nachtrag: kosmar hat die ganzen Beteiligungsdetails genau durchgerechnet und noch einige andere Aspekte wie Datenschutz, Haftung etc. unter die Lupe genommen. kosmar vermutet, dass die Qualität der Beiträge niedrig werden könnte, da ja alle gemeinsam aus einem Topf bezahlt werden, nach Trafficaufkommen nicht mit direktem Bezug auf die einzelne Qualität oder Nutzung. Das kann man vermuten und als schlecht empfinden. Andererseits eröffnet dies zumindest theoretisch die Möglichkeit, dass jemand, der weniger populäre Produkte bewertet, nicht ganz unter den Tisch fällt. Dass so ein System wie jedes andere seine speziellen Lücken enthält, die geschickte “Nutzer” auch auszunutzen in der Lage sein werden, lässt sich gar nicht vermeiden, wenn man es nicht als geschlossene und redaktionell verantwortete Seite anlegt. Und machte man dies, wäre es auch wieder tendentiös – siehe adical.