26
Apr
07

Bravo: Neues Margeting bei der GEMA

Doch noch passend zum “Tag des geistigen Eigentums” – urteilskraft.de berichtete gestern –, hat die GEMA die Karten auf den Tisch gelegt. Die neue Kampagne heißt: “Schütze deinen Star” und wird zusammen mit der Bravo Gold-Otto-Verleihung in zwei Tagen gestartet. Ausgedacht von der neuen Marketing-Leitung der GEMA.

„Ziel der Marketingkampagne ist es, die jungen Musikfans in einem hoch emotionalen Umfeld direkt anzusprechen und für den Schutz der kreativen Arbeit ihrer Idole zu sensibilisieren,“ erläutert der neue Marketingdirektor der GEMA, Henrik Hörning. „Die Botschaft lautet: Mit legalen Downloads schützt du deinen Star.“ (Siehe auch hier.)

Man kann darüber streiten, ob das der richtige Platz ist, ob es eine vernünftige Zielgruppe ist, ob ein “extrem hoch emotionales Umfeld” dafür besonders geeignet ist. Und ob man mit der Bravo-Show überhaupt so etwas überhaupt transportieren. All das kann man bezweifeln, doch sehen kann man die Ergebnisse erst später. Die Frage davor aber ist: Stimmt dieser Kontext überhaupt. Wer von den Stars ist denn überhaupt von der GEMA vetreten, wer ist überhaupt von den Stars Textautor oder Komponist. Gewiss, die gibt es auch heute noch.

Shakiras und Beyonce Knowles “Beautiful Liar” hat als Textdicher und Komponisten Hubbard Jr, Earl Wade (wenn die Repertoiresuche der GEMA funktioniert). Die ganzen Stücke der “Deutschland sucht den Superstar”-Platte sind natürlich nicht von den “Stars” gedichtet und komponiert. (Differenz Superstar/Star?). Bei vielen anderen Abfragen anhand der Musicload Charts ist das nicht immer einfach zu entscheiden. Aber es gibt sie, die Beteiligten. Gwen Stefanis “The Sweet Escape” weist Sängerin und Star durchaus als Beteiligte aus, ebenso fungiert Nelly Furtado neben zwei weiteren Berechtigten in “Say It Right” als Texterin und Komponistin. Nimmt man diese Fälle, in denen die Stars auch die (Mit-)Urheber sind, dann allerdings muss man sich fragen, ist da nicht der Umweg über die Gema ein Holzweg. Warum machen diese Stars nicht Reklame für sich selbst als Urheber? Schickt sich das nicht? Beschädigt dies ihr Star-Sein?

Die Sache ist schwierig, weil eben die Urheber-Stars nicht alle unter einen Hut zu bringen sind. Wohl lässt sich denken, dass auch sie gerne an den nicht stattgefundenen Download-Einnahmen gerne beteiligt wären. Wer also könnte besser für die These der GEMA stehen als die Stars selbst. Aber das passiert nicht, oder nur ganz selten.

Statt dessen operiert man bei der GEMA mit Gewinnspielen, Promotionsteams sollen Backstage-Pässe verteilen. Und es werden Vermittler in der Gruppe der Jugendlichen selbst gesucht, GEMA-Scouts.

Die Jugendlichen erhalten (…) auch die Chance, GEMA-Scout zu werden und in Schulen und Jugendzentren ihre Altergenossen über den Schutz der Urheberrechte und die Arbeit der GEMA aufzuklären. (Quelle: GEMA)

Wie das aussehen soll, möchte man sich lieber nicht vorstellen. Die Idee ist, aus gruppenpsychologischer Sicht gesehen, natürlich ideal. Aber wie mir dünkt, einigermaßen praxisfern.

In eigenen Gesprächen mit der “Zielgruppe” kann man sicher kurzzeitig dafür eine Sensibilisierung erreichen. Aber nachher bleibt alles beim Alten – nur meine minimale Erfahrung hierzu. Denn, nicht vermitteln lässt sich das in der Tat komplexe Geflecht aus Schutzwürdigkeit, Freudschaftstausch (als private Kopie), aus Verbreitungswollen und dergleichen. Wann genau wird man denn zum Musikdieb? Dass dazu die massenhafte Verbreitung und zum Teil auch minimal bis maximale unlizenzierte Verwertung zählt, das kann man wohl klar machen. Aber die Musikverbreitungswelt ist ja diffus. Im Radio kann man die Musik ja auch hören, ohne zum Musikdieb zu werden. Ja, man darf sie mitschneiden. Das geht. Aber, wenns nach den Phonoverbänden ginge, eben nicht mit “intelligenter Software”. Das eine ist erlaubt, das andere noch (wer weiß wie lange?). Und dann gibt es noch andere Lizenzmodelle wie Creative Commons oder Public Domain. Da gelten sowieso wieder andere Regeln.

Ich habe dennoch bis zu einem gewissen Punkt Sympathie mit der GEMA. Nicht der GEMA wegen. Umgekehrt ist doch tatsächlich erstaunlich, wieviel Geld man bereit ist auszugeben, für selbst noch die schlampigst hergestellten Klingeltöne, aber eben nicht für Musikdownloads. Und ebenso ist zu respektieren, dass Komponisten und Textdichter die GEMA als ihre Organisation sehen, die für sie das Geld eintreibt. Das mag der Einzelne nicht gut finden, er mag sogar dabei von guten Erwägungen geleitet sein, nämlich gute Musik zu verbreiten. Wenn dies aber nicht auf diese Weise gewünscht ist, so muss das einfach hingenommen und respektiert werden.

Vergessen wir auch die dritte Gruppe der Beteiligten nicht, die immer im Hintergrund bleibt: Die Verleger. Selbst da, wo Autoren und Komponisten beispielsweise einer unentgeltlichen Nutzung zustimmen, müssen das die Verleger nicht auch machen. Der alte und bekanntere Fall der “Kinderzimmer Productions” mit einem Sample der Stranglers ist dafür symptomatisch. (Die Geschichte kann man sich bei taktlos anhören.) Weitergehen könnte man auch mit den herstellenden Beteiligten sowie den Musikern selbst, also im Bereich der Leistungsschutzrechte. Und und und.

Übrig bleibt davon nur: “Schütze deinen Star.” Und man muss eigentlich fragen: Vor was? Oder vielmehr vor wem? Vor dir selbst als dem Musikkapitalisten, der du eine Leistung nutzt, ohne sie angemessen dem gegenüber zu vergüten, dem du sie verdankst?

Nachbemerkung: Tag des geistigen Eigentums ist heute, schrieb ich gestern. Es ist dabei doch eigentlich komisch, dass man einen Tag dem Eigentum widmet. Nicht den “Kreativen”, nicht der “Kreativität” oder meinetwegen auch neutraler dem Urheber (wie kreativ auch immer). Korrespondierend wäre also eher ein “Tag des Immobilien-Besitzers”, “Tag der Aktie” oder der “Tag des Schiffeigners”. Aber ist “geistiges Eigentum” von dieser Art “Eigentum”? Wenn man das bejahen wollte, vergäße man dann nicht das Beste?

Ich schließe mit der neuen Grußformel der GEMA-Mails:

Die GEMA vertritt in Deutschland die Urheberrechte von mehr als 60.000 Mitgliedern (Komponisten, Textautoren und Musikverleger) sowie von über 1 Mio. Rechteinhabern aus aller Welt. Sie ist mit einem Ertrag von EUR 874 Mio. (Geschäftsjahr 2006) weltweit eine der größten Autorengesellschaften für Werke der Musik.