1999 ff. martin hufner, regensburg
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Martin Thrun: Neue Musik im deutschen Musikleben bis 1933,
2 Bände, 823 Seiten, Leinen, Bonn 1995, DM 150,-
Man könnte meinen, daß über die Musik des frühen 20. Jahrhunderts
wirklich alles Wesentliche gesagt worden ist. Monographien über Komponisten,
ihre Musik, ihre Ästhetik gibt es in rauhen Mengen. Doch Martin Thruns
Studien zum Musikleben sind wirklich neu, einzigartig zumal, außerdem
brillant formuliert. Thrun untersucht die sozial-, rezeptions- und institutionsgeschichtlichen
Bedingungen, die zur Konstitution der Neuen Musik im deutschen Musikleben
bis 1933 geführt haben.
Es geht zum Beispiel um Schönbergs "Mißerfolgs-Erfolge",
die "öffentliche Wirkungslosigkeit" der Schönbergianer, und
den Aufstieg von Hindemith, Krenek und
Jarnach. Thrun stellt dar, wie explizit Urteile der Musikkritik dazu beigetragen
haben, das unfreiwillige Dreigestirn Mahler, Strauss und Reger ins Abseits
der veralteten Moderne zu stellen. Analysiert werden die späte Bartok
-Rezeption, die Besonderheiten der Bekanntwerdung Strawinskys
und ausführlich der "Fall," das "Problem"
Schönberg. Speziell für die Rezeption Schönbergs seien
die frühen Kuriosa erwähnt: Nahm man vielfach zu Beginn seine Musik als
Skandalon wahr, nannte man ihn "Neutöner", "Umstürzler",
"Revolutionär", "Anarchist" "Futurist",
"Wildester der Modernen" oder "ultravioletten Musiksezessionisten"
(in den 10er Jahren), so wurde sie wenig später schon häufig als veraltet
angesehen (ab Mitte der 20er Jahre). Thrun betrachtet in diesem Zusammenhang
die Entwicklung der Donaueschinger Musiktage und zitiert Max Rieple: "Man
erblickte im Weg der 'Wiener Schule' eine hoffnungslose, bald sich von
selbst erledigende Sache". Man überholte Schönberg nun auf den sogenannten
"Zügen der Zeit": "Gebrauchsmusik", "Film- und
Rundfunkmusik", "Gemeinschaftsmusik", das waren neue Zauberworte.
Da mußte freilich ein Chameläon wie Hindemith (oder auch
Krenek) ihn sowohl links wie rechts überholen.
Die kleinsten Verästelungen des Musikbetriebes durchforstet
Thrun betriebsam ohne dabei in der Flut der emprischen Daten zu versinken.
Das ist eben die besondere Stärke des Buchs: Nie verliert des Autor den
roten Faden, immer bleibt er sachlich und neutraler Beobachter. Eine reife
Frucht sozialgeschichtlicher Analyse, Instiutionen- und Rezeptionsgeschichte;
und das alles mit dem Wissen, wie die Musik klingt, über die da gesprochen
wird.