Archive for March, 2008

29
Mar

Fahrt durch ungesellige Landschaft II

Georg Büchner:

Es war eimal ein arm Kind und hat kei Vater und kei Mutter war Alles todt und war Niemand mehr auf der Welt. Alles todt, und es ist hingangen und hat greint Tag und Nacht. Und weil auf der Erd Niemand mehr war, wollt’s in Himmel gehn, und der Mond guckt es so freundlich an und wie’s endlich zum Mond kam, war’s ein Stück faul Holz und da ist es zur Sonn gangen und wie’s zur Sonn kam, war’s ein verreckt Sonneblum und wie’s zu den Sterne kam, warens klei golde Mück, die waren angesteckt wie der Neuntödter sie auf die Schlehe steckt und wie’s wieder auf die Erd wollt, war die Erd ein umgestürzter Hafen und war ganz allein und da hat sich’s hingesetzt und geweint und da sitzt es noch und ist ganz allein. ((Büchner: Woyzeck. Deutsche Literatur von Luther bis Tucholsky, S. 79455 (vgl. Büchner-HKA Bd.1, S. 151) http://www.digitale-bibliothek.de/band125.htm ))

Erde

27
Mar

Fahrt durch ungesellige Landschaft

Es gab einmal eine Zeit, da wirkten manche Fotos wie mit Ultraschall gemacht. Gestern blätterte ich durch die elektronische Weltgeschichte der Digitalen Bibliothek und verlor mich, so gut es eben ging, in alten Geschichten und vor allem Abbildungen und Kartenmaterial. An einer Stelle war dann folgendes Foto zu finden.

Kartensaal

Ein Kartensaal aus dem Atomkriegszeitalter. Das Zeitalter ist ja nun nicht vorbei. Aber es scheint doch weniger präsent. Unten, im Zentrum des Bildes sieht man eine elektronische Kamera, die das ganze dann abfilmt. Mit Revolverobjektiven. “Das Zentrum der US-Luftabwehr. Kartensaal der atomsicheren Anlage bei Omaha/Nebraska.” ((Propyläen-Weltgeschichte: Raymond Aron: Weltdiplomatie: Fronten und Pakte. Propyläen-Weltgeschichte, S. 16183, vgl. PWG Bd. 10, S. 420) (c) Ullstein Verlag http://www.digitale-bibliothek.de/band14.htm ]))

Nicht weit von dieser Stelle entfernt eine Aktion zu Tibet als Foto:

Demo gegen China

Man sieht es sich an und muss feststellen, fast nichts hat sich verändert eigentlich. Nur die Deckel, die man über all das legt, seien es Klangwolken oder Netze ohne Fische, Konsumwelten und anderes Zudröhnzeugs, sind im Wandel. Alle sind sie dann doch nur Surrogate für Bekanntes. Nämlich für das allgemeine menschliche Unglück und Versagen über alles.

Aus der Tiefe Ein unbekannter russischer Fotograf hat diesen Mann an der Drehleier irgendwann einmal im 19. Jahrhundert fotografiert. “Aus der Tiefe, Herr, rufe ich zu dir.” ((Russischer Photograph: »Aus der Tiefe rufe ich, Herr, zu Dir«. Paris, Musée de l’Homme. Land: Russland. Rubrik: Szene. Bildersammlung: Russland. The Yorck Project: 5.000 Meisterwerke der Photographie, S. 5742 (c) 2005 The Yorck Project http://www.digitale-bibliothek.de/Photographie.htm ] )) Das kann man lesen bei der Bezeichnung der Fotografie. Da treffen sich merkwürdig die Haltungen der totalen Technik mit denjenigen des grundsätzlichen Horrors an der Existenz. Besonders die Fotos aus Russland in der Digitalen Bibliothek sind geradezu frustrierend traurig und zeigen eine Welt in der Dämmerung. Man wird nur schwer sagen können, wo das Elend größer ist. Aber es geht auch weniger wohl um Komparative des Unglücks als dessen Stetigkeit. Vor hier aus ist es allemal so, als wären derartige Gedanken ohnehin nur die leichte Spielerei eines Clowns. Das stimmt auch.

Dennoch verspüre ich immer deutlicher den Wunsch, die Vergangenheit zu retten – mit all ihren Gefühlen und anderen Empfindungen. Mit ihrer Schönheit und ihrer Qual gegen die vollkommene (nicht dialektische) Aufhebung durch das pure Machen im Jetzt.