28
Mar
07

Wissen und wissen

Nirgendwo wird so heiß über den “Diebstahl” von Wissen gestritten wie im Internet. Nein, nicht wie im Internet, sondern über das Internet. Jetzt erst habe ich einen kleinen Kommentar zum Thema Wissensdiebstahl von dem französischen Philosophen Michel Serres gelesen. Er taucht auf in einem Interview in der Telepolis 2001 auf. Er sagt:

In meinen Augen ist es niemals ein Verbrechen Wissen zu stehlen. Es ist ein guter Diebstahl. Stehlen Sie doch das pythagoräische Theorem, das würde mir gefallen.

Der Pirat des Wissens ist ein guter Pirat. Wenn ich noch einmal jung wäre, dann würde ich ein Schiff bauen, das so hieße: Pirat des Wissens. Was in der Wissenschaft derzeit schlimm ist, ist dass die Firmen ihr Wissen kaufen und es deshalb geheim halten wollen. Und deshalb werden die Piraten morgen die sein, die im Recht sind. Man wird das Geheimnis piratieren. (TP: Der Pirat des Wissens ist ein guter Pirat)

Das Wissen zu stehlen, sei zu empfehlen, es lasse sich auch gar nicht verhindern (Beispiel Phythagoras). Man weiß aber auch, dass Wissen mittlerweile Gegenstand der Wertschöpfung ist, das ist der zweite Teil seiner Argumentation. Würde die Suche nach Wissen aufhören, wenn man damit nicht im eigentlichen Wortsinn etwas verdienen könne?

War Phythagoras darauf angewiesen, seine Erkenntnis geheim zu halten? War es nicht eher so, dass er es verbreiten wollte, damit man mit dieser nützlichen Erkenntnis etwas mehr erfahren konnte über die Welt oder einen Teil besser “berechnen” konnte. Dem könnte man entgegen halten, aber ohne eine Geheimhaltung und ganz eigenen Verwertung von Erkenntnis käme es nicht zu Entwicklungsmöglichkeiten, wie sie in der Pharmaindustrie gemacht werden. Aber, was ist der sittliche Wert einer solchen Geheimhaltung. Ein Vorenthalt denen gegenüber, die es sich nicht leisten können! Ist das fair? Ist das vor allem moralisch.

iRights.info berichtet heute davon, dass sich das MIT der Verwendung von DRM-Optionen verweigere.

Schon seit Jahren nimmt das MIT eine Vorreiterrolle dabei ein, den offenen Zugang zu Informationen (Open Access) zu fördern. Als erste Spitzenuniversität der Welt hat das MIT unter der Maxime „MIT OpenCourseWare“ den weltweiten, offenen Zugang zu Lehrmaterialien praktiziert. (iRights.info)

Davon zu trennen sind Verfahren, die Wissen jemandem entreißen, um damit dann selbst auch in restriktiven Konstruktionen einen eigenen Vorteil zu erwirtschaften. Die Patentierbarkeit von Genomen wäre eine solche Angelegenheit.

Auch in der Wissenschaft ist das Horten ein sonst sehr verbreitetes Element, Erkenntnis zu steuern. Wie Archive ihre Informationen gegebenfalls nur an bestimmte Personen weitergeben und diese Personen dann auch nicht teilen wollen (oder können). Wie viel dadurch allein schon an wichtigen Erkenntnissen verloren gegangen ist vermag ich nicht abzuschätzen.

Wissen als Geschäftsmodell scheint mir jedenfalls keine moralisch gute Sache zu sein. Sie entspricht auch so gar nicht einer Gesellschaft der Aufklärung, die auf Gespräch und Streit angewiesen ist, wenn sie nicht im Verwertungssack erkalten will. Alle Errungenschaften der frühen bürgerlichen Öffentlichkeit gehen nach außen auf teilen und verbreiten aus. Bibelübersetzung, Zeitung, Oper, Konzert, literarischer Salon, Kolloquium etc. pp.

Auch aus wirtschaftlicher Sicht übrigens. Es ist ja nicht nur die Summe möglicher Werbeeinnahmen, die Zeitungen darauf hinarbeiten lässt, höhere Auflagen zu erzielen, oder im Radio höhere Quoten. Freilich ist Öffentlichkeit dann immer noch als qualitativer Begriff zu verstehen, nicht als quantitativer – wie es leider gerne verwechselt wird. Dass eben auch qualitativ hochstehende “Produkte” nicht diese hohe Erkenntniskonversionsrate erzielen ist ein anderes Problem, das eigens zu untersuchen noch folgen muss.